Aus: sh:z-Tageszeitungen

Verrostet, vergammelt und verhökert

18.12.2014 | 09:36 |

Torsten Beetz

Stiftung Nordfriesland hat die 90 000 Euro teure volkskundliche Sammlung des Tönningers Helmut Starke für 800 Euro verkauft

Einige Exponate aus der „Starke Sammlung“ können noch im Roten Haubarg bei Witzwort besichtigt werden. Foto: hjm

Husum/Tönning. Jahrzehnte lang zog Helmut Starke über Land. Besuchte Bauernhöfe und Fischerfamilien, beteiligte sich an Haushaltsauflösungen und überzeugte so manchen Eiderstedter, ihm etwas für seine Sammlung zu überlassen. Zahlreiche Gerätschaften zum Deichbau, Fischfang, Ackerbau, aus Milchwirtschaft und Handwerk sowie historische Fahrzeuge trug der Tönninger mühevoll zusammen, zahlte alles aus eigener Tasche und präsentierte einen Teil seiner Sammlung im Vorhof seines Hauses in Tönning. Vor knapp 20 Jahren erwarb die Stiftung Nordfriesland die „Volkskundliche Sammlung Starke“ für stattliche 180 000 Mark (90 000 Euro) – und veräußerte sie jetzt für 800 Euro an einen Antik- und Schrotthöker.

„Bei Vertragsabschluss bestand Einigkeit darüber, dass die Sammlung in der Landschaft Eiderstedt erhalten und zugänglich gemacht werden soll, um den gegenwärtigen und den nachfolgenden Generationen ein Bild vom Leben und Arbeiten der Menschen im alten Eiderstedt zu vermitteln“, heißt in einem Papier der Stiftung Nordfriesland, die sich zugleich verpflichtete, den Bestand der Sammlung auf Dauer zu bewahren. Doch wo? Nach der Schließung des Museums „Altes Hospital“ in Tönning wurden Melkschemel, Mühlstein, Milchsieb und Co. bei der Standortverwaltung in Husum zum Teil im Schloss vor Husum und in einer Halle in Tönning untergebracht. Rückblickend war damit bereits das Schicksal der Sammlung besiegelt.

Obgleich sich die Stiftung verpflichtet hat, den Bestand auf Dauer zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist genau dies nicht passiert. Nur einige wenige Exponate haben im Koldenbüttler Dorfmuseum und im Roten Haubarg bei Witzwort eine neue Bleibe gefunden und werden dort der Öffentlichkeit präsentiert. Der Großteil fristet schon seit Jahren ein trostloses Lager-Dasein. „Leider wurden die Gegenstände nicht fachgerecht untergebracht und betreut, so dass diese in dem Maße verfallen sind, dass sie keinen Wert mehr erzielen“, beschreibt die Kulturmanagerin des Kreises, Johanna Jürgensen, den Zustand.

Mit rund 4500 Euro im Jahr schlug allein die Hallenmiete in Tönning zu Buche – für den gesamten Zeitraum von fast 20 Jahren also knapp 90 000 Euro Lagerkosten. „Da wurde Stiftungsvermögen verbrannt“, bilanziert Hans-Walter Domeyer in aller Deutlichkeit. Der Mitarbeiter des Kreisbauamtes hat den Verkauf in die Wege geleitet. „Wir sind froh, dass wir es los sind“, sagt Domeyer erleichtert. „Sonst hätten wir es womöglich noch teuer entsorgen müssen.“ Ein Dutzend Besichtigungen habe er mit potenziellen Käufern gemacht. „Das wollte niemand haben“, sagt der Kreismitarbeiter. Zudem seien sämtliche Museen in Schleswig-Holstein bis hinter Hamburg angeschrieben, ob sie denn nicht Verwendung für die Starke-Sammlung hätten. Doch auch hier die frustrierende Rückmeldung: Kein Interesse.

 

Der Bedarf war und ist überall im Lande gedeckt. „Die Museen interessierten sich nicht dafür“, sagt Steffi Friedrichsen vom Fachdienst Kultur des Kreises Nordfriesland. Das sei schon kurz nach dem Erwerb der Sammlung so gewesen, erinnert sie sich. Die Dinge, die Helmut Starke zusammengetragen hatte, gab es damals zuhauf. Zuletzt versuchte die Stiftung vor zwei Jahren in Eigenregie einige Dinge über das Online-Auktionshaus „Ebay“ zu verkaufen. Mit der Stiftungsaufsicht des Landes wurde vereinbart, zwecks Bestimmung des Marktwertes bis zu 50 Gegenstände zu versteigern – mit mäßigem Erfolg. Die Gesamteinnahmen für die Exponate betrugen lediglich 620 Euro. „Allein die Personalkosten waren höher“, so Johanna Jürgensen.

Kulturelles Gut auf der einen, Haushaltskonsolidierung durch Vernichtung der Sammlung auf der anderen Seite. Der Bericht von Johanna Jürgensen im Kuratorium fiel ernüchternd aus. Mit der Aufgabe der Sammlung würde die Stiftung von der Bewahrung und Betreuung der Sammlung entbunden werden, führte die Stiftungs-Mitarbeiterin Anfang des Jahres in einer Kuratoriums-Sitzung aus. Mittlerweile liegt auch die Zustimmung der Kommunalaufsicht des Landes vor – die Sammlung Starke wird abgewickelt. Bis Ende des Jahres werden die Lagerstätten in Tönning und Husum geräumt sein – der Restwert der veräußerten Dinge, also 800 Euro, fließen der Stiftung Nordfriesland zu. Immerhin: „Die im Schloss gelagerten kleineren Gegenstände wie Vasen, Bügeleisen und Schreibmaschinen werden bei Gelegenheit im Schlosshof meistbietend versteigert“, so Kreis-Pressesprecher Hans-Martin Slopianka. Nordfriesisches Kulturgut für ein paar Euro unterm Hammer. So wird manches Exponat aus der Sammlung – ganz im Sinne Helmut Starkes – doch noch ein schönes Plätzchen finden.


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