Aus: Flensborg Avis

Das Schicksalsjahr 1864 erlebt eine Renaissance

23.12.2014 | 11:29 |

Flensborg Avis

Der Friede ist seit Langem schon an den Düppeler Schanzen eingekehrt. Längst hat sich der Rauch des Schießpulvers verzogen und die Toten sind zur ewigen Ruhe gebettet worden. „1864“, die gleichnamige Filmserie von Ole Bornedal, hat all dem, was sich vor 150 Jahren zugetragen hat, eine neue Dimension verliehen.

Soldat Esben Jensen führt durch das Historiecenter Dybbøl Banke. „1864“ hat die Saison des Centers wesentlich verlängert. Fotos: Martina Metzger

Düppeler Schanzen. Ole Bornedals Serie über 1864 hat dem Historiecenter „Dybbøl Banke“ geschäftige Tage beschert. Normalerweise ist dort die Saison im November zu Ende. Nicht so in diesem Jahr. Groß ist das Interesse daran, mehr über jene Zeit zu erfahren, die dänische Zuschauer wochenlang gebannt vor dem Fernseher fand, als dort die Serie „1864“ lief. Selbst am Sonnabend vor dem dritten Advent hatten noch gut 20 Besucher Eintrittskarten gebucht.

„Es wäre schön, wäre das Interesse von Dauer“, hofft „Soldat“ Esben Jensen. Gekleidet in seine Uniform, bereitet er sich gemeinsam mit „einer jungen Frau aus dem Jahre 1864“, Anna Streubel, auf die Nachmittagsshow vor.

Die Historiker haben gleich in Scharen den Finger erhoben und historische Fehler der Serie aufgezeigt. Carsten Jørgensen aus Faaborg ficht das nicht an: Eine fesselnde Darbietung, so meint er, müsse sowohl Helden als auch Schurken haben.

„Eine Film-Serie wie diese hat eine bemerkenswerte Wirkung. Ich betrachte sie nicht als historisch korrekt. Die Serie ist ein Spiegel der damaligen Zeit – die historischen Gegebenheiten muss ich mir selber erschließen“, sagt Carsten Jørgensen, während er gemeinsam mit seiner Familie darauf wartet, den ersten Teil des Programms sehen zu können.

 

Von Helden und Antihelden

 

Auch an jenem Samstag waren sie nirgendwo zu sehen, die Helden und Antihelden des Films: Keine Inger, kein Peter oder Laust. Keine Bottiche mit abgesägten Gliedmaßen und auch kein hellseherisch veranlagter Johan, der Veteran aus dem Dreijährigen Krieg. Aber das war schon in Ordnung. Es waren übrigens die jüngsten Besucher, die den Ereignissen des Nachmittags am meisten entgegenfieberten.

„Ich möchte einfach nur sehen, wo sich das alles damals zugetragen hat“, sagt Oliver Stampe (16) aus Herning, der sich für diesen Weihnachtsausflug nach Düppel entschieden hatte.

„Es ist ein Teil der dänischen Geschichte – natürlich sollen sich unsere Kinder damit vertraut machen. Mutzen können wir auch morgen noch backen“, sagt seine Mutter, Anita Stampe.

„Wir wollen die Waffen, Kanonen und Gewehre sehen. Spüren, wie schwer sie waren“, sagt Kristian Schlüter aus Gravenstein. Er hatte seine Mutter und seinen kleinen Bruder zu diesem Ausflug nach Düppel überredet.

„Bald weiß er mehr über diese Geschichte als ich“, stellt Rikke Schlüter fest. „Lange schon haben wir davon gesprochen, hierher zu fahren – und heute war es dann endlich soweit.“

Sie habe sich selbst eingehend mit dem Thema befasst, verrät Museumsinspektorin Else Gyldenkerne aus Næstved. Als dem Land, König und Monrad die Soldaten ausgingen, die sie in den Kampf auf die Schlachtfelder schicken konnten, schauten sie sich anderweitig nach geeigneten jungen Männern um – auch auf Südseeland.

 

Frauenleben um 1864

 

Zahllose Briefe an ihre Lieben daheim verfassten die Soldaten aus den Schützengräben und aus den Lazaretten. Und – auch das zeigt der Film – längst nicht alle von ihnen konnten lesen und schreiben. Damit die Frauen von 1864 nicht ganz im Nebel des Kanonenrauchs und des Kampfes verschwinden, richtet das Center sein Augenmerk auch auf Frauenschicksale aus dieser Zeit.

 

„Die Frauen saßen mit ihren Kindern daheim, ohne zu wissen, welches Schicksal ihre Männer ereilt hatte. Sie mussten den Alltag ohne Männer meistern“, sagt Anna Streubel, während sie sich auf ihren Teil der Nachmittagsvorstellung vorbereitet, darauf, aus Tagebucheinträgen von damals vorzulesen.

Im Historiecenter hat man sich von der scharfen Kritik  mit Blick auf Fakten und Fiktion nicht unterkriegen lassen. Bemerkungen aus dem Publikum begegnen die Mitarbeiter dort mit Sachlichkeit.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, die Serie zu beurteilen! Persönlich ist mir die Kritik zuweilen einen Tick zu schrill. Das hat der Film nicht verdient. Ich bin versucht, die Serie ein Epos zu nennen – mit vielen bemerkenswert guten Einzelheiten. Ebenso mit Raum für dichterische Freiheit und einem spannenden Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, sagt „Soldat“ Esben Jensen.


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