Aus: sh:z-Tageszeitungen

Freiwillig den Löffel abgegeben

23.12.2014 | 11:44 |

Sven Windmann

123 Menschen leisteten auf Schloss Gottorf ihren persönlichen Beitrag für eine geplante Sonderausstellung

Projektleiter Ralf Bleile (links) ist begeistert: Der Kappelner Gerhard Mittelmann hat ihm ein besonders schönes Exemplar für die geplante Löffel-Installation überreicht. Foto: Staudt

Schleswig. Am Ende des Tages hatte Ralf Bleile nicht nur ein breites Grinsen im Gesicht, sondern auch ein ordentliches Loch im Bauch. Denn von 10 bis 17 Uhr hatte er so viel zu tun, dass an Essen – bis auf ein paar Weihnachtskekse – absolut nicht zu denken war. „Dass einige Leute kommen würden, damit hatte ich schon gerechnet. Aber so viel Resonanz, das überrascht mich dann schon“, meinte der Leiter des Archäologischen Landesmuseums auf Schloss Gottorf.

Grund für den Ansturm war sein öffentlicher Aufruf, auf der Schlossinsel – im wahrsten Sinne des Wortes – den Löffel abzugeben. Zum Hintergrund: Im Mai 2015 wird auf Gottorf die Sonderausstellung „Von Degen, Segeln und Kanonen“ (siehe Infokasten) eröffnet. Dabei geht es auch um die Geschichte des 1715 in der Kieler Förde gesunkenen schwedischen Flaggschiffs „Prinzessin Hedvig Sofia“. Dessen Wrack wurde 2008 von deutschen und dänischen Archäologen gefunden. Bei den anschließenden Untersuchungen stieß man unter anderem auf eine große Zahl von Löffeln, die den 500 Soldaten gehörten, die sich damals an Bord des Kriegsschiffes drängten. Jeder besaß sein eigenes Besteck – und hinter jedem Löffel steckt also das Schicksal eines Menschen.

Um das zu verdeutlichen, plant Ausstellungsleiter Bleile eine Installation von 500 Löffeln, die später auf beiden Seiten einer mehr als 30 Meter langen Tafel in der Reithalle liegen sollen. Offenbar eine Idee, die gut ankommt: Denn bereits fünf Minuten nach der Kassenöffnung um 10 Uhr stand die erste Dame bereit, die ihren Löffel abgeben wollte – und als Dank dafür freien Eintritt ins Schloss erhielt. „Dieses Angebot haben einige Spender allerdings gar nicht angenommen. Sie wollten einfach nur Teil der Ausstellung sein“, erklärte Bleile. Im Laufe der Tages kamen so insgesamt 123 Löffel zusammen. Einige Spender waren dafür sogar aus Kiel oder Lübeck nach Schleswig gekommen. Und sie alle erzählten, so war es die Vorgabe, eine Geschichte zu ihrem Mitbringsel.

Einer von ihnen war Uwe Petersen. Er hatte den Löffel im Gepäck, mit dem seine in diesem Jahr verstorbene Mutter zuletzt gegessen hatte. „Insofern ist es schon ein sehr besonderes Stück für mich“, sagte der Flensburger. Gabriele Carstensen aus Schleswig brachte hingegen ihren ersten eigenen Kinderlöffel mit. Das passende Messer dazu benutze sie bis heute. „Aber die Legierung des Löffels verträgt sich irgendwie nicht so richtig mit meinen Zahnkronen“, verriet sie. Uwe Tank wiederum spendete einen Löffel aus dem 19. Jahrhundert für die Installation. Der habe, so vermutete der Maasholmer, einst den Vorfahren seiner Mutter („Blaublütige aus Ungarn“) gehört. Und Karin Trültzsch aus Owschlag übergab Bleile „einen Löffel von Oma Erna“. Eine große Geschichte gebe es dazu nicht, aber sie wollte die Gelegenheit nutzen, endlich mal mit ihren Kindern ins Schloss zu gehen. „Denn im Gegensatz zu uns früher haben die beiden bislang noch keinen Schulausflug nach Gottorf gemacht.“

 

Ein ganz besonderes Exemplar mit einer zum Ausstellungs-Thema passenden Geschichte hatte derweil Gerhard Mittelmann mitgebracht. Der Hobbysegler aus Kappeln überreichte dem sichtlich begeisterten Ralf Bleile einen Löffel von der „Suppentour“, die der Segelclub, in dem er Mitglied ist, organisiert. Mit diesem Löffel könnten die Teilnehmer während der Regatta an verschiedenen Orten kostenlos Suppe essen. „Das passt doch perfekt zusammen“, meinte Mittelmann.

„Diese Aktion war ein voller Erfolg. Auch deshalb, weil ich so viele persönliche Geschichten gehört habe. Zwei Eheleute, 84 und 85 Jahre alt, haben mir sogar ihre Tauflöffel hiergelassen. Das hat mich alles sehr berührt“, freute sich Bleile am Ende.

Er hofft nun, dass die restlichen Löffel bei ähnlichen Aktionen in Museen in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland zusammenkommen. „Denn die Ausstellung ist ein internationales Projekt.“ Dennoch kann er sich auch einen zweiten „Löffel-abgebe-Tag“ auf Gottorf vorstellen. „Denn es hat wirklich viel Spaß gemacht.“ Trotz knurrendem Magen.


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